Die menschliche Psyche ist ein faszinierendes und zugleich komplexes Universum. Manchmal zeigt sie uns Seiten, die schwer zu verstehen und noch schwerer zu erklären sind. Eine dieser Seiten ist die dissoziative Identitätsstörung (DIS), früher auch als multiple Persönlichkeitsstörung bekannt. In diesem Blogartikel möchte ich dir auf verständliche Weise erklären, was diese Störung ist, wie sie diagnostiziert wird und welche Therapieansätze es gibt.
Was ist die dissoziative Identitätsstörung?
Die dissoziative Identitätsstörung gehört zu den dissoziativen Störungen, bei denen es zu einer Trennung von Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen oder Identität kommt. Menschen mit DIS erleben eine Aufspaltung ihrer Persönlichkeit in zwei oder mehr deutlich voneinander abgegrenzte Identitäten oder „Persönlichkeitszustände“. Diese Zustände können unterschiedliche Namen, Verhaltensweisen, Erinnerungen und sogar Vorlieben haben.
Die Störung entsteht oft als Folge von schwerem Trauma in der Kindheit, wie Missbrauch oder Vernachlässigung. Das Gehirn entwickelt diese Schutzmechanismen, um mit überwältigenden Erfahrungen umzugehen. Es ist, als würde die Psyche sich in verschiedene Teile aufteilen, um das Erlebte besser zu bewältigen.
Ein Beispiel: Eine Person könnte eine „starke“ Persönlichkeit entwickeln, die in stressigen Situationen übernimmt, während eine andere „kindliche“ Persönlichkeit für emotionale Sicherheit sorgt.
Wie wird die dissoziative Identitätsstörung diagnostiziert?
Die Diagnose der DIS ist komplex und erfordert viel Feingefühl. Sie wird in der Regel von Psychiater:innen oder Psychotherapeut:innen gestellt, die Erfahrung mit dissoziativen Störungen haben. Hier sind einige Schritte, die typischerweise zur Diagnose führen:
1. Ausführliches Gespräch
Im ersten Schritt führt die Fachperson ein intensives Gespräch mit der betroffenen Person. Dabei werden Symptome wie Gedächtnislücken, das Gefühl von „Fremdheit“ im eigenen Körper oder das Erleben verschiedener Persönlichkeiten genauer untersucht.
2. Ausschluss anderer Ursachen
Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für die Symptome auszuschließen, wie neurologische Erkrankungen (z. B. Epilepsie) oder den Einfluss von Substanzen. Auch psychische Störungen wie Schizophrenie müssen differenziert werden.
3. Verwendung diagnostischer Instrumente
Es gibt spezielle Fragebögen und Interviews, wie das Structured Clinical Interview for DSM-5 Dissociative Disorders (SCID-D), die bei der Diagnose helfen können. Diese Instrumente sind darauf ausgelegt, dissoziative Symptome systematisch zu erfassen.
4. Beobachtung über Zeit
Da sich die verschiedenen Persönlichkeitszustände oft nicht sofort zeigen, kann es notwendig sein, die betroffene Person über einen längeren Zeitraum zu beobachten.
Die Diagnose kann eine Erleichterung für viele Betroffene sein, da sie endlich eine Erklärung für ihre Erfahrungen bekommen. Gleichzeitig kann sie aber auch Angst auslösen – schließlich handelt es sich um eine schwerwiegende Störung.
Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Die Behandlung der dissoziativen Identitätsstörung ist anspruchsvoll und erfordert viel Geduld – sowohl von der betroffenen Person als auch von den Therapeut:innen. Ziel ist es nicht unbedingt, die verschiedenen Persönlichkeiten „zusammenzuführen“, sondern ein harmonisches Miteinander dieser Anteile zu schaffen und traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.
1. Psychotherapie
Die Psychotherapie ist das zentrale Element der Behandlung. Besonders hilfreich sind traumafokussierte Ansätze wie die EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder die kognitive Verhaltenstherapie. Die Therapie erfolgt oft in drei Phasen:
- Stabilisierungsphase: Hier geht es darum, Sicherheit und Vertrauen aufzubauen. Betroffene lernen Strategien zur Stressbewältigung und zur Reduktion von dissoziativen Symptomen.
- Traumabearbeitung: In dieser Phase wird das zugrunde liegende Trauma behutsam aufgearbeitet.
- Integration: Ziel ist es, ein Gefühl von Einheit und Stabilität zu schaffen – ob durch Integration der Persönlichkeiten oder durch ein friedliches Nebeneinander.
2. Medikamentöse Unterstützung
Es gibt keine Medikamente speziell für DIS, aber begleitende Symptome wie Depressionen oder Angstzustände können mit Antidepressiva oder anderen Medikamenten behandelt werden.
3. Körperorientierte Ansätze
Viele Betroffene profitieren von körperorientierten Therapien wie Yoga oder Achtsamkeitstraining. Diese helfen dabei, den eigenen Körper besser wahrzunehmen und sich in ihm sicher zu fühlen.
4. Selbsthilfegruppen
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann enorm hilfreich sein. In Selbsthilfegruppen fühlen sich viele Menschen verstanden und weniger allein mit ihrer Störung.
Wie stehen die Chancen auf Heilung?
Die Heilungschancen bei dissoziativer Identitätsstörung hängen von verschiedenen Faktoren ab: dem Ausmaß des Traumas, der Unterstützung durch das soziale Umfeld und der Bereitschaft zur Therapie. Es ist wichtig zu verstehen, dass „Heilung“ bei DIS nicht unbedingt bedeutet, dass alle Persönlichkeiten verschwinden. Vielmehr geht es darum, ein funktionales und erfülltes Leben zu führen – trotz der Störung.
Mit einer guten Therapie können viele Betroffene lernen, ihre Symptome zu kontrollieren und ein hohes Maß an Lebensqualität zurückzugewinnen. Es gibt Fälle, in denen eine vollständige Integration aller Persönlichkeitsanteile gelingt, aber das ist nicht immer das Ziel oder notwendig.
Fazit
Die dissoziative Identitätsstörung ist eine komplexe und oft missverstandene psychische Erkrankung. Sie entsteht meist als Schutzmechanismus gegen schwere Traumata und zeigt sich in Form verschiedener Persönlichkeiten innerhalb einer Person. Die Diagnose erfordert viel Sorgfalt und Erfahrung, während die Therapie Geduld und Durchhaltevermögen verlangt.
Doch trotz aller Herausforderungen gibt es Hoffnung: Mit der richtigen Unterstützung können Betroffene lernen, mit ihrer Störung zu leben und wieder Freude am Leben zu finden. Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, der Anzeichen einer DIS zeigt, scheue dich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – der erste Schritt in Richtung Heilung beginnt oft mit einem Gespräch.
Ich hoffe, dieser Artikel konnte dir einen verständlichen Einblick in das Thema geben! Wenn du Fragen hast oder dich weiter austauschen möchtest, hinterlasse gerne einen Kommentar. 😊
Bruno Schelig
Seit 2012 bin ich als freischaffender Autor tätig und habe in diesem Jahr mein erstes Buch veröffentlicht. Über die Jahre hinweg habe ich verschiedene Blogs und Webseiten betrieben, bis ich schließlich hier angekommen bin – ein Ort, an dem ich bleiben möchte. Als Freidenker scheue ich mich nicht davor, auch kontroverse oder wenig populäre Themen aufzugreifen.
Meine Leidenschaft gilt dem Schreiben in all seinen Facetten: Gedichte, Kurzgeschichten, ganze Bücher – all das findet hier auf meinem Blog seinen Platz. Neben der kreativen Schriftstellerei widme ich mich Themen wie Online-Marketing, Psychologie, Mythologie und der Theorie des Schreibens.
Für mich bedeutet Schreiben, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und jedem Thema eine angemessene Stimme zu verleihen. Es ist diese Vielseitigkeit und persönliche Note, die meine Arbeit ausmacht und mir immer wieder neue Wege eröffnet.