Die Welt hatte sich verändert – oder vielleicht war es nur Lestat, der sich verändert hatte.
Er stand reglos auf dem Dach eines alten Gebäudes, überblickte Rom, das unter ihm glühte, vibrierte, lebte. Aber er war nicht mehr Teil dieser Welt, nicht so wie früher.
Seine Augen, einst golden, reflektierten nun etwas anderes. Etwas, das selbst David Talbot nicht verstehen konnte.
„Lestat… was bist du geworden?“ flüsterte David neben ihm.
Lestat drehte sich langsam zu ihm um. „Ich bin immer noch ich.“
David lachte bitter. „Du bist alles, aber nicht mehr du selbst. Ich kann es fühlen. Dein Wesen ist… anders. Reiner, aber auch dunkler.“
Lestat grinste. „Dann bin ich wohl endlich das, wozu ich bestimmt war.“
Er ließ seinen Blick über die Stadt schweifen. Er konnte jedes Herz hören, jeden Atemzug, jedes noch so leise Geräusch in den Straßen. Aber das war nicht das Erstaunlichste.
Er konnte auch spüren, wie die Schatten selbst ihn betrachteten.
Wie etwas Altes und Uraltes in den Tiefen der Dunkelheit auf ihn wartete.
Etwas, das er nun verstand.
Etwas, das ihm gehörte.
Der Ruf der Nacht
Es war keine Überraschung, als es geschah.
Eine Schwingung ging durch die Nacht, kaum spürbar für Sterbliche, doch für Lestat war sie wie ein Donnerschlag.
Er wusste sofort, was es war.
„Sie rufen mich.“
David sah ihn misstrauisch an. „Wer?“
Lestat drehte sich zu ihm um, sein Blick voller Unruhe und Vorfreude zugleich.
„Diejenigen, die vor mir kamen.“
Er sah hinauf in den Himmel, und für einen Moment schien sich der Raum selbst um ihn herum zu verzerren.
Die Schatten bewegten sich.
Eine Tür wurde geöffnet.
Und dann trat sie aus der Dunkelheit hervor.
Eine Gestalt, so alt wie die Zeit selbst. Ihr Haar war schwarz wie die Nacht, ihre Haut leuchtete wie der Mond. Ihre Augen – tief, leer, endlos.
„Lestat de Lioncourt.“ Ihre Stimme war ein Hauch, ein Versprechen.
David wich zurück. „Wer ist das?“
Lestat wusste es.
Er wusste es vom ersten Moment an.
„Sie ist das, was ich hätte werden können. Und vielleicht noch werden werde.“
Die Gestalt lächelte. „Du hast gewählt, Lestat. Doch deine Reise hat gerade erst begonnen.“
Der letzte Schritt
Lestat wusste, dass dies der Moment war.
Der Moment, in dem er sich entscheiden musste.
Würde er die wahre Dunkelheit annehmen?
Oder war noch etwas Menschliches in ihm, das ihn zurückhalten konnte?
Er blickte zu David, der ihn flehend ansah.
Er blickte zu der Gestalt, die ihm unendliche Macht versprach.
Und dann…
Dann lächelte er.
„Ich war immer dazu bestimmt, mein eigenes Schicksal zu wählen.“
Und mit diesen Worten trat er in die Dunkelheit – bereit, sein endgültiges Erbe anzunehmen.
Bruno Schelig
Seit 2012 bin ich als freischaffender Autor tätig und habe in diesem Jahr mein erstes Buch veröffentlicht. Über die Jahre hinweg habe ich verschiedene Blogs und Webseiten betrieben, bis ich schließlich hier angekommen bin – ein Ort, an dem ich bleiben möchte. Als Freidenker scheue ich mich nicht davor, auch kontroverse oder wenig populäre Themen aufzugreifen.
Meine Leidenschaft gilt dem Schreiben in all seinen Facetten: Gedichte, Kurzgeschichten, ganze Bücher – all das findet hier auf meinem Blog seinen Platz. Neben der kreativen Schriftstellerei widme ich mich Themen wie Online-Marketing, Psychologie, Mythologie und der Theorie des Schreibens.
Für mich bedeutet Schreiben, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und jedem Thema eine angemessene Stimme zu verleihen. Es ist diese Vielseitigkeit und persönliche Note, die meine Arbeit ausmacht und mir immer wieder neue Wege eröffnet.