Die Dunkelheit schien zu atmen.
Lestat stand reglos da, während die Gestalt aus dem Schatten heraus trat. Ihre Haut war von einer Schwärze, die das Licht verschluckte, ihre Augen ein Chaos aus wirbelnden Farben – keine Iriden, keine Pupillen, nur ein endloses, tobendes Universum.
David, der neben ihm stand, bewegte sich unruhig. „Lestat… wir sollten gehen.“
Doch Lestat hörte nicht auf ihn.
„Du sagst, du bist der Anfang und das Ende“, sagte er spöttisch. „Nun, das klingt ziemlich dramatisch. Aber wer genau bist du?“
Die Gestalt neigte den Kopf. „Ich bin, was vor euch war. Und ich bin, was nach euch sein wird.“
Ein kalter Schauer lief Lestat über den Rücken. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er etwas, das er kaum mehr kannte: ein Hauch von Furcht.
„Und was willst du von mir?“
Die dunkle Gestalt trat näher. Ihr Körper schien sich nicht zu bewegen, sondern eher durch den Raum zu fließen.
„Du bist das Gefäß“, sagte sie. „Du bist der Träger der Quelle. Und nun musst du wählen.“
Lestat verzog das Gesicht. „Wählen? Wählen wofür?“
Die Gestalt streckte eine lange, knochige Hand aus. „Lass es zu. Lass die wahre Dunkelheit sich durch dich entfalten. Werde, was du bestimmt bist zu sein.“
David griff nach Lestats Arm. „Lestat, hör nicht auf sie. Wir wissen nicht, was sie ist.“
Lestat drehte sich leicht zu ihm um. „Aber genau das ist es, was mich interessiert, David.“
Er war immer getrieben gewesen von Neugier. Von Macht. Von der Sehnsucht nach etwas, das größer war als er selbst. Und jetzt? Jetzt bot sich ihm etwas an, das jenseits seiner Vorstellungskraft lag.
Aber war er bereit, den Preis zu zahlen?
Ein Blick in die Ewigkeit
Lestat schloss für einen Moment die Augen.
Er spürte die Quelle in sich, die Kraft, die Amel ihm gegeben hatte. Doch jetzt, in der Gegenwart dieser Gestalt, fühlte er, dass es noch mehr gab. Etwas Ursprüngliches. Etwas, das jenseits von Vampiren, jenseits von Blut und Unsterblichkeit lag.
Er öffnete die Augen wieder.
„Zeig es mir.“
David schnappte nach Luft. „Lestat, nein!“
Doch es war zu spät.
Die dunkle Gestalt legte ihre Hand auf seine Stirn – und in diesem Moment wurde die Welt um ihn herum fortgerissen.
Die Wahrheit hinter der Finsternis
Lestat fiel.
Nicht mit seinem Körper – er fiel mit seinem Geist, seinem Bewusstsein. Durch Raum, durch Zeit, durch unzählige Realitäten.
Er sah die Anfänge der Welt.
Er sah, wie Schatten entstanden, lange bevor das erste Licht brannte.
Er sah Kreaturen, älter als Götter, Wesen, die weder Leben noch Tod kannten.
Und dann sah er sich selbst.
Nicht als Vampir. Nicht als Lestat de Lioncourt.
Sondern als etwas anderes. Etwas, das immer existiert hatte – und das immer existieren würde.
Er war nicht nur ein Träger der Quelle.
Er war die Quelle.
Rückkehr in die Realität
Mit einem keuchenden Atemzug wurde Lestat zurück in seinen Körper geschleudert.
Er taumelte zurück, sein Geist noch immer von den Eindrücken überwältigt.
David hielt ihn fest. „Lestat! Was ist passiert?“
Die dunkle Gestalt trat zurück in die Schatten. Ihre Stimme hallte in seinem Kopf:
„Nun weißt du es. Die Entscheidung liegt bei dir.“
Und dann war sie fort.
Lestat stand da, das Echo der Erkenntnis noch in seinen Gedanken.
David sah ihn besorgt an. „Lestat? Was hast du gesehen?“
Lestat blickte ihn an, seine goldenen Augen funkelten.
„Alles.“
Er hatte die Wahl.
Er konnte die Dunkelheit annehmen – oder sie bekämpfen.
Doch eine Frage blieb:
Was wollte er wirklich sein?
Bruno Schelig
Seit 2012 bin ich als freischaffender Autor tätig und habe in diesem Jahr mein erstes Buch veröffentlicht. Über die Jahre hinweg habe ich verschiedene Blogs und Webseiten betrieben, bis ich schließlich hier angekommen bin – ein Ort, an dem ich bleiben möchte. Als Freidenker scheue ich mich nicht davor, auch kontroverse oder wenig populäre Themen aufzugreifen.
Meine Leidenschaft gilt dem Schreiben in all seinen Facetten: Gedichte, Kurzgeschichten, ganze Bücher – all das findet hier auf meinem Blog seinen Platz. Neben der kreativen Schriftstellerei widme ich mich Themen wie Online-Marketing, Psychologie, Mythologie und der Theorie des Schreibens.
Für mich bedeutet Schreiben, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und jedem Thema eine angemessene Stimme zu verleihen. Es ist diese Vielseitigkeit und persönliche Note, die meine Arbeit ausmacht und mir immer wieder neue Wege eröffnet.