Rom glühte unter den Sternen, lebendig, pulsierend. Lestat stand auf dem Dach eines alten Palazzos und ließ den Wind durch seine Haare fahren. Sein Körper fühlte sich leichter an, seine Sinne schärfer. Er konnte jedes Herz in dieser Stadt schlagen hören, jede Bewegung spüren, als wäre er mit allem verbunden.
War das, was Amel ihm gegeben hatte, wirklich eine Gabe? Oder eine neue, tödliche Bürde?
Sein Blick glitt über die Dächer der ewigen Stadt. Er hatte sich immer für unsterblich gehalten, für unaufhaltsam. Aber jetzt? Jetzt war er etwas anderes. Etwas, das nicht einmal er begreifen konnte.
Hinter ihm vernahm er ein Geräusch.
„Du bist noch nicht ganz verloren.“
Lestat drehte sich langsam um. Eine hohe Gestalt trat aus dem Schatten – schmal, in einen langen schwarzen Mantel gehüllt. Die dunklen Augen blitzten klug, aber streng.
„David.“
David Talbot, sein einst sterblicher Freund, nun ein Vampir wie er, musterte ihn mit zurückhaltender Sorge.
„Marius ist verschwunden“, sagte David leise.
Lestat nickte. „Ich weiß.“
„Und du?“
Lestat lachte. „Ich bin noch hier.“
David trat näher. „Aber du bist nicht mehr der, der du warst.“
Lestat musterte ihn, sein Blick loderte. „Nein. Und das ist vielleicht gut so.“
David seufzte. „Ich habe Geschichten gehört, Lestat. Von Dingen, die du getan hast, seit du aus diesen Katakomben aufgetaucht bist.“
Lestat grinste. „Geschichten? Hoffentlich gute.“
David ignorierte den Spott. „Du hast einen alten Vampir getötet. Einfach so. Ohne Grund.“
Lestat zuckte die Schultern. „Er stand mir im Weg.“
David trat näher. „Lestat, verstehst du nicht? Das ist nicht mehr dein übliches arrogantes Spiel. Du veränderst dich. Diese Kraft, die Amel dir gegeben hat—sie frisst dich auf.“
Lestat kniff die Augen zusammen. „Ich kontrolliere es.“
David schüttelte den Kopf. „Noch. Aber wie lange?“
Lestat wollte protestieren, wollte sich über Davids Angst lustig machen. Doch ein Funken Wahrheit lag in den Worten seines alten Freundes.
Er erinnerte sich an den Moment, als er den alten Vampir in Neapel einfach mit einem Gedanken ausgelöscht hatte. Kein Blutrausch, kein Hunger. Nur reine, unverfälschte Macht.
Und er hatte es genossen.
Eine Einladung aus der Tiefe
„Was schlägst du vor, David?“ fragte Lestat nachdenklich.
David sah ihn ernst an. „Komm mit mir. Lass uns herausfinden, was mit dir passiert, bevor du dich selbst verlierst.“
Lestat lachte leise. „Klingt wie ein langweiliger Plan.“
„Besser als ein selbstzerstörerischer.“
Doch bevor Lestat antworten konnte, spürte er etwas.
Etwas Altes. Etwas, das nicht von dieser Welt war.
David bemerkte es auch. „Was ist das?“
Lestat schloss die Augen. Die Dunkelheit um ihn herum verdichtete sich, wurde fast greifbar. Und dann hörte er eine Stimme.
„Mein Kind… es ist Zeit.“
Sein ganzer Körper zog sich zusammen. Das war nicht Amel.
Das war etwas anderes.
Etwas, das jenseits der Dunkelheit lag.
David packte seinen Arm. „Lestat, was ist los?“
Lestat riss sich los, seine Augen leuchteten jetzt golden.
„Jemand ruft mich.“
„Wer?“
Lestat lächelte kalt.
„Ich habe vor, es herauszufinden.“
Der Weg in den Abgrund
Die Spur führte ihn nach Istanbul. Eine Stadt, alt wie die Zeit selbst, gefüllt mit Geschichten und Legenden.
David folgte ihm, trotz seiner Bedenken.
„Ich hoffe, du weißt, was du tust“, murmelte er, als sie durch die engen Gassen liefen.
Lestat grinste. „Natürlich nicht.“
Die Präsenz wurde stärker, dichter. Sie führte ihn zu einem verborgenen Tempel, tief unter der Erde.
Dort wartete jemand auf ihn.
Oder etwas.
Eine dunkle Gestalt erhob sich aus den Schatten. Ihre Haut war so schwarz wie der Nachthimmel, ihre Augen ein Wirbel von Chaos.
„Du bist endlich gekommen.“
Lestat blieb stehen. „Wer bist du?“
Die Gestalt trat näher. Ihre Stimme war ein Flüstern, das durch seine Gedanken schnitt.
„Ich bin der Anfang. Und das Ende.“
Ein Riss ging durch die Realität um ihn herum.
Lestat spürte es.
Die wahre Dunkelheit war noch lange nicht zu Ende.
Bruno Schelig
Seit 2012 bin ich als freischaffender Autor tätig und habe in diesem Jahr mein erstes Buch veröffentlicht. Über die Jahre hinweg habe ich verschiedene Blogs und Webseiten betrieben, bis ich schließlich hier angekommen bin – ein Ort, an dem ich bleiben möchte. Als Freidenker scheue ich mich nicht davor, auch kontroverse oder wenig populäre Themen aufzugreifen.
Meine Leidenschaft gilt dem Schreiben in all seinen Facetten: Gedichte, Kurzgeschichten, ganze Bücher – all das findet hier auf meinem Blog seinen Platz. Neben der kreativen Schriftstellerei widme ich mich Themen wie Online-Marketing, Psychologie, Mythologie und der Theorie des Schreibens.
Für mich bedeutet Schreiben, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und jedem Thema eine angemessene Stimme zu verleihen. Es ist diese Vielseitigkeit und persönliche Note, die meine Arbeit ausmacht und mir immer wieder neue Wege eröffnet.