Verändern Psychopharmaka meine Persönlichkeit? Die Wahrheit hinter dem Mythos

Die Vorstellung, Psychopharmaka könnten die eigene Persönlichkeit verändern, ist eine der größten Sorgen vieler Menschen, die vor der Entscheidung stehen, diese Medikamente einzunehmen. Es ist eine Angst, die tief in unserer Vorstellung von Identität, Selbstbestimmung und dem, was uns als Menschen ausmacht, verwurzelt ist.

Aber was steckt wirklich hinter diesem Mythos? Verändern Psychopharmaka tatsächlich, wer wir sind? Machen sie uns zu “anderen Menschen”? Oder ist die Realität viel komplexer und differenzierter?

In diesem Artikel tauchen wir tief in diese Frage ein. Wir werden uns mit den wissenschaftlichen Grundlagen, den verschiedenen Arten von Psychopharmaka, den möglichen Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten und den Erfahrungen von Betroffenen auseinandersetzen.

Was bedeutet “Persönlichkeit” überhaupt?

Bevor wir uns der Frage widmen, ob Psychopharmaka die Persönlichkeit verändern können, müssen wir zunächst klären, was wir unter “Persönlichkeit” überhaupt verstehen.

In der Psychologie wird Persönlichkeit oft als die Gesamtheit der relativ stabilen und überdauernden Eigenschaften eines Menschen definiert, die sein Denken, Fühlen und Verhalten prägen. Dazu gehören:

  • Charakterzüge: z.B. Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus (die “Big Five”)
  • Werte und Überzeugungen: Was ist uns wichtig? Was halten wir für richtig und falsch?
  • Interessen und Vorlieben: Was begeistert uns? Was tun wir gerne?
  • Emotionale Reaktionsmuster: Wie reagieren wir auf bestimmte Situationen?
  • Selbstbild: Wie sehen wir uns selbst? Was sind unsere Stärken und Schwächen?
  • Soziale Kompetenzen: Wie interagieren wir mit anderen Menschen?

Diese Eigenschaften entwickeln sich im Laufe des Lebens durch ein komplexes Zusammenspiel von genetischen Veranlagungen, Umwelteinflüssen, Erfahrungen und Lernprozessen.

Wie wirken Psychopharmaka?

Psychopharmaka sind Medikamente, die auf das zentrale Nervensystem wirken, insbesondere auf das Gehirn. Sie beeinflussen die Art und Weise, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren, indem sie die Konzentration und Wirkung von Neurotransmittern (Botenstoffen) verändern.

Neurotransmitter sind chemische Substanzen, die Signale zwischen Nervenzellen übertragen. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Regulierung von Stimmung, Emotionen, Denken, Verhalten, Schlaf, Appetit und vielen anderen Funktionen.

Bei vielen psychischen Erkrankungen ist das Gleichgewicht der Neurotransmitter gestört. Psychopharmaka können helfen, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren, indem sie:

  • Die Wiederaufnahme von Neurotransmittern hemmen (z.B. SSRI)
  • Die Freisetzung von Neurotransmittern erhöhen (z.B. manche Antidepressiva)
  • Die Wirkung von Neurotransmittern verstärken oder abschwächen (z.B. Benzodiazepine, Antipsychotika)

Verändern Psychopharmaka nun die Persönlichkeit?

Die kurze Antwort lautet: Nein, Psychopharmaka verändern nicht die grundlegende Persönlichkeit eines Menschen im Sinne einer kompletten Umwandlung. Sie machen dich nicht zu einem anderen Menschen.

Die längere Antwort ist etwas komplizierter:

  • Symptomlinderung statt Persönlichkeitsveränderung: Psychopharmaka zielen darauf ab, die Symptome einer psychischen Erkrankung zu lindern. Sie sollen beispielsweise Ängste reduzieren, die Stimmung aufhellen, den Antrieb steigern, Wahnvorstellungen dämpfen oder den Schlaf verbessern.Wenn diese Symptome erfolgreich behandelt werden, kann sich das Erleben und Verhalten eines Menschen verändern. Er kann sich beispielsweise wieder fröhlicher, aktiver, selbstbewusster oder sozialer fühlen. Aber das ist keine Veränderung der Persönlichkeit, sondern eine Rückkehr zu einem Zustand, der näher an seinem “wahren Selbst” liegt – dem Selbst, das durch die Erkrankung beeinträchtigt war.
  • Subtile Veränderungen sind möglich: In manchen Fällen können Psychopharmaka jedoch subtile Veränderungen in bestimmten Bereichen des Erlebens und Verhaltens bewirken, die von manchen Menschen als “Persönlichkeitsveränderung” wahrgenommen werden könnten. Zum Beispiel:
    • Emotionale Dämpfung: Manche Menschen berichten, dass sie unter bestimmten Antidepressiva weniger intensive Emotionen empfinden – sowohl positive als auch negative. Sie fühlen sich “abgeflacht” oder “emotional taub”.
    • Veränderte Impulsivität: Einige Medikamente können die Impulskontrolle beeinflussen, entweder verstärkend oder abschwächend.
    • Veränderte Libido: Viele Psychopharmaka können die sexuelle Lust und Funktion beeinflussen.
    • Veränderte Kreativität: Manche Menschen berichten, dass sie unter bestimmten Medikamenten kreativer oder weniger kreativ sind.
    Es ist wichtig zu betonen, dass diese Veränderungen nicht bei jedem Menschen auftreten und oft dosisabhängig sind. Sie sind auch nicht immer negativ. Manche Menschen empfinden beispielsweise eine gewisse emotionale Dämpfung als entlastend, wenn sie zuvor unter starken Stimmungsschwankungen gelitten haben.
  • Individuelle Unterschiede: Jeder Mensch reagiert anders auf Psychopharmaka. Was bei dem einen zu einer deutlichen Verbesserung führt, kann bei dem anderen kaum Wirkung zeigen oder sogar unerwünschte Effekte haben. Das hängt von vielen Faktoren ab, z.B. der Art und Schwere der Erkrankung, der genetischen Veranlagung, dem Stoffwechsel, der Dosierung und der Kombination mit anderen Medikamenten.
  • Die Rolle der Psychotherapie: Psychopharmaka sind oft nur ein Teil der Behandlung. Eine Psychotherapie kann helfen, die Ursachen der Erkrankung zu bearbeiten, neue Denk- und Verhaltensmuster zu entwickeln, mit schwierigen Emotionen umzugehen und die eigene Persönlichkeit (weiter) zu entwickeln.

Die Sicht der Betroffenen

Die Frage, ob Psychopharmaka die Persönlichkeit verändern, wird von Betroffenen sehr unterschiedlich beantwortet. Einige berichten von positiven Veränderungen:

  • “Ich fühle mich endlich wieder wie ich selbst.”
  • “Ich kann wieder klar denken und mich konzentrieren.”
  • “Ich habe wieder Freude am Leben.”
  • “Ich bin nicht mehr so ängstlich und kann wieder unter Menschen gehen.”

Andere berichten von negativen Erfahrungen:

  • “Ich fühle mich wie ein Zombie.”
  • “Ich habe keine Gefühle mehr.”
  • “Ich erkenne mich selbst nicht wieder.”
  • “Ich habe meine Kreativität verloren.”

Es ist wichtig, diese Erfahrungen ernst zu nehmen und offen mit dem behandelnden Arzt darüber zu sprechen. Oft können Anpassungen der Dosierung, ein Wechsel des Medikaments oder zusätzliche therapeutische Maßnahmen helfen, unerwünschte Effekte zu reduzieren und die positiven Wirkungen zu optimieren.

Fazit: Keine Angst vor dem “anderen Ich”

Psychopharmaka sind keine Wundermittel, die die Persönlichkeit eines Menschen von Grund auf verändern. Sie sind Medikamente, die helfen können, das chemische Gleichgewicht im Gehirn wiederherzustellen und die Symptome einer psychischen Erkrankung zu lindern.

Wenn sie richtig eingesetzt werden – unter sorgfältiger ärztlicher Begleitung und in Kombination mit anderen therapeutischen Maßnahmen – können sie dazu beitragen, dass Menschen wieder zu ihrem “wahren Selbst” zurückfinden und ein erfüllteres Leben führen können.

Es ist verständlich, Angst vor möglichen Veränderungen zu haben. Aber die Angst vor einem “anderen Ich” sollte nicht dazu führen, dass man eine potenziell hilfreiche Behandlung ablehnt. Sprich offen mit deinem Arzt über deine Sorgen und Bedenken. Gemeinsam könnt ihr den besten Weg finden, um deine psychische Gesundheit zu verbessern – ohne deine Persönlichkeit zu verlieren.

Author Profile
Bruno Schelig

Seit 2012 bin ich als freischaffender Autor tätig und habe in diesem Jahr mein erstes Buch veröffentlicht. Über die Jahre hinweg habe ich verschiedene Blogs und Webseiten betrieben, bis ich schließlich hier angekommen bin – ein Ort, an dem ich bleiben möchte. Als Freidenker scheue ich mich nicht davor, auch kontroverse oder wenig populäre Themen aufzugreifen.

Meine Leidenschaft gilt dem Schreiben in all seinen Facetten: Gedichte, Kurzgeschichten, ganze Bücher – all das findet hier auf meinem Blog seinen Platz. Neben der kreativen Schriftstellerei widme ich mich Themen wie Online-Marketing, Psychologie, Mythologie und der Theorie des Schreibens.

Für mich bedeutet Schreiben, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und jedem Thema eine angemessene Stimme zu verleihen. Es ist diese Vielseitigkeit und persönliche Note, die meine Arbeit ausmacht und mir immer wieder neue Wege eröffnet.

Author: Bruno Schelig

Seit 2012 bin ich als freischaffender Autor tätig und habe in diesem Jahr mein erstes Buch veröffentlicht. Über die Jahre hinweg habe ich verschiedene Blogs und Webseiten betrieben, bis ich schließlich hier angekommen bin – ein Ort, an dem ich bleiben möchte. Als Freidenker scheue ich mich nicht davor, auch kontroverse oder wenig populäre Themen aufzugreifen. Meine Leidenschaft gilt dem Schreiben in all seinen Facetten: Gedichte, Kurzgeschichten, ganze Bücher – all das findet hier auf meinem Blog seinen Platz. Neben der kreativen Schriftstellerei widme ich mich Themen wie Online-Marketing, Psychologie, Mythologie und der Theorie des Schreibens. Für mich bedeutet Schreiben, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und jedem Thema eine angemessene Stimme zu verleihen. Es ist diese Vielseitigkeit und persönliche Note, die meine Arbeit ausmacht und mir immer wieder neue Wege eröffnet.

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